Plattencheck: Kitty Solaris – We Stop The Dance

Kitty Solaris ist das personifizierte Ein-Frau-Imperium der Berliner Musik-Subkultur. Klingt hochgegriffen? Vielleicht. Doch als Labelchefin (Solaris Empire), Veranstalterin einer Konzertreihe im Schokoladen Mitte und musikschaffende Künstlerin, die in Eigenregie schon vor vielen Jahren aus der Not, die die Branche so mit sich bringt, eine selbstausbeuterische Tugend gemacht hat, muss sie sich mit dem Prädikat schmücken lassen. Mit We Stop The Dance, ihrem bereits vierten Album, verweigert sie sich nicht nur ihrer Singer-Songwriter lastigen Vergangenheit, sie holt zum Generalschlag aus und schafft etwas, dass man hierzulande nur selten findet: dunkelbunten, englischsprachigen Pop mit Haltung und dem nötigen Gespür für Ironie.

kitty

Schon mit dem Opener und gleichnamigen Titelstück We Stop The Dance setzt Kitty Solaris mit ihrer zum niederknien lässigen Stimme, ihrer unaufgeregten und immer etwas über den Dingen stehenden Art zum Abgesang auf das Tanzen an. Eine durchaus dancefloortaugliche Nummer, in der sich Querflöteneinsätze ans rhythmisch zappelnde Tanzbein schmiegen. Schon an dieser Stelle klopft so eine Ahnung ans Hinterstübchen: platter Wir-Sind-Ja-Alle-So-Super-Drauf-Alltagspop hört sich anders an. Und so ist es. Man weiß als Rezensent gar nicht, auf was man sich inhaltlich als erstes stürzen soll, dermaßen dicht ist dieses Album. Vollgepackt mit makellosen Arrangements, die sich mit Flöten-, Percussion-, Pedal-Steel-Guitar- und Saxophonelementen sowie antreibenden Beats um den lakonischen Gesang einer vor Souverenität nur so strotzenden Künstlerin drehen. Keine Ahnung wann ich das letzte Mal nach dem durchhören einer Platte so unsicher war, ob ich nun fröhlich oder schwer melancholisiert bin. Kitty schmeißt ihre Hörerschaft in ein schwer zu kategorisierendes Becken aus düsteren und drückenden, aber immer angriffslustig nach vorn orientierten Klängen.

 
Ganz ähnlich verhält es sich beim Songwriting. Während ich jedem, auch nur im Ansatz über das Zitieren der Smashing Pumpkins (Hell) oder EMF (Take It Easy) nachdenkenden Individuum, hartherzig und erbarmungslos das Recht auf weitere freie Entfaltung und Meinungsäußerung entziehen würde, so sehr hebe ich Kitty Solaris eben dafür auf ein wolkenkratzerhohes Podest. Das zimmer ich ihr meinetwegen auch persönlich zusammen. Doch wäre es sträflich, sie nur dafür zu loben, sich die Phrasen Anderer derart gekonnt einzuverleiben, dass man im ersten Moment gar nicht weiß, woher man die Zeilen eigentlich kennt. Auch das was Solaris selbst textet, verdient Szenenapplaus und das in so ziemlich jedem ihrer Songs. Ungeachtet dessen, ob sie einen mit in ihre Jugend nimmt oder in die pulsierende Großstadt, von verzweifelter Liebe berichtet oder der Feindschaft die übrig bleibt, ist es das Einfache, das Nüchterne, diese seltsam knappe aber dadurch fokussierte Aussagekraft, mit der Kitty Solaris bemerkenswert furchtlos alles auf den Punkt bringt. Cigarettes will kill you someday orakelt diese zierliche Person. Ausgerechnet sie, mit der man zu gerne bei einer Stange filterloser Rothändel und diversen Karaffen Whiskey über den Wahnsinn des Lebens philosophieren würde.

Fazit: We Stop The Dance ist das zweifellos stimmigste Pop-2013-Update, bestehend aus dem Besten, was dieses mehr als einmal zu oft banalisierte Genre in den letzten 30 Jahren wirklich ausgemacht hat, serviert von einer jenen Ladies, die mit wenigen, trocken ausformulierten Sätzen alles sagt, was man wissen muss.

Nützliches im WWW:
Homepage
Solaris Empire
Facebook
Bandcamp
Soundcloud
Twitter

Auf Tour:

02.05. Cottbus / Galerie Fango
03.05. Chemnitz / Altra
04.05. Leipzig / Horns Erben
11.05. Potsdam / Hans Otto Theater
12.05. Jena / Wohnzimmerkonzert
13.05. Aachen / Domkeller
14.05. Köln / Stereo Wonderland
15.05. Oldenburg / Polyester
04.06. Offenbach / Hafen 2
05.06. Stuttgart / Cafe Galao
06.06. Tübingen / Zimmertheater
07.06. Freiburg / Swamp
08.06. Offenburg / Spitalkeller
09.06. Heidelberg / Kaffeehaus Ebert
12.06. Köln / Blue Shell
29.06. Fusion Festival
16.09. Weimar / C. Keller
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s