Plattencheck: Bernhard Eder – Post Breakup Coffee

Die Herzschmerz-Oktalogie

Konzeptalben zum Thema Trennung sind so eine Sache. Die inneren Befindlichkeiten kurz nach dem – um mal in den Tiefen der metaphorischen Pathoskiste zu wühlen – einem das Herz herausgerissen wurde, sind zwar jedem mehr oder weniger bekannt, dennoch kann man diesbezüglich als Musiker schnell ins wahlweise jämmerlich Selbstgefällige oder nervtötend Belehrende abrutschen. Die Übergänge sind fließend. Der Wahl-Wiener Bernhard Eder verarbeitet mit Post Breakup Coffee nicht nur eine gescheiterte Liebe, er verlässt zudem seinen Heimathafen als Singer/Songwriter. Wenn man den langen Weg des Neuanfangs schon einschlägt, dann richtig, mag er sich gedacht haben. Eine Gratwanderung auf den Gipfeln der Melancholie hin zur Gesundung.

2012-08-06_BernhardEder_PostBreakupCoffee.inddMan sagt Schmerz und Leid sind der Antrieb wahrhaft großer Kunst. Vielleicht erklärt sich daraus der momentane Szenenhype, der um den Österreicher Bernhard Eder passiert. Dieser hat sich mit den Vorgängeralben To Disappear Doesn’T Mean To Run Away, Tales From The East Side und The Livingroom Sessions zwar nicht unbedingt den Ruf als Gute-Laune-Barde erspielt, mit dem aktuellen Werk Post Breakup Coffee überschreitet er seine typische Singer/Songwriter Traurigkeit allerdings um ein Vielfaches. Was keineswegs negativ gemeint ist. Die Songs berichten von der tiefschürfenden Reise quer durch den eigenen Kummer. Diese ist zwar nicht sonderlich originell, muss sie aber auch gar nicht sein. Denn Hand auf’s Herz oder auf das, was davon noch übrig ist, die Phasen nach dem Liebes-Aus sind zu vertraut, als das da Platz für hinreichend neue Erkenntnisse bliebe. „Does it feel insane…?“ – aber ganz gewiss doch.

„And I lost so much weight
the colour of my face
found no sleep at night
been hiding from the light“
— Ode To My Friends —

Eder schafft in den acht Stücken den Sprung weg vom reduzierten Singer/Songwriter hin zum deutlich bandlastigeren Soundgewand. Er taucht, natürlich immer noch mit Akustikgitarre und seiner unverwechselbaren Stimme bewaffnet, zeitweise in psychedelische Klangwelten ab. Mit Leichtigkeit greift hier ineinander was Menschen mit Hang zur Melancholie von einem Trennungsalbum erwarten. Das Schlagzeug schleppt sich zärtlich dahin um in den wichtigen Passagen den Weg nach vorn zu finden, das E-Piano stellt sich an, die ohnehin schaurige Grundstimmung mit aller Kraft noch eine Etage tiefer zu ziehen und von den wohldosierten E-Gitarren-Fetzen (vor allem in Snow Fields) will ich gar nicht erst anfangen. Dabei ist das eindrucksvollste an Post Breakup Coffee die scheinbare Selbstverständlichkeit mit der Eder seiner Musik nicht nur neue Facetten hinzufügt, sondern es wie kaum ein anderer versteht, die neu eingeschlagene Richtung so homogen mit dem zu verbinden was ihn schon immer ausgemacht hat, ohne als Attrappe seiner musikalischen Einflüsse zu enden. Das dadurch erzeugte Wirkungsfeld lässt die Lieder beinahe atmen.
Diese Herzschmerz-Oktalogie verbindet unverhohlen Bernhard Eders Erfahrungswelten – das Leid, den Abschied, den Unglauben, die Verzweiflung, aber eben auch die zaghaft anklopfende Hoffnung – mit den komplexen Möglichkeiten, die der (Indie-) Pop zu bieten hat und bündelt all das zu einem Gesamtpaket, welches in ungeahntem Maße vereinnahmt. Hier haucht sich einer das von der Seele, was ohne Zweifel schon zigfach gesungen wurde, jedoch selten so ungezwungen, beinahe frei und losgelöst, im Ohr hängen bleibt. Was angesichts der dramatisch anrollenden Instrumentalisierung und melancholischen Stimme einem kaum zu meisternden Drahtseilakt gleicht.

Letztlich kann es dem Konsumenten ohnehin egal sein, ob es sich bei dem dargebotenen Liedgut um die chronologische Abfolge des eigenen Leidens handelt oder ob der Musiker das Ganze frei erfindet. Schließlich geht es um drei grundlegende Zutaten: gefällt mir das Musikalische, mag ich den Gesang und – für ganz Interessierte – kann ich die Texte annehmen bzw. mich damit identifizieren. Wenn am Ende ein Album wie Post Breakup Coffee herauskommt, Bernhard Eder seinen Weg die inneren Zerwürfnisse zu verarbeiten gefunden hat, die Musikszene aufhorcht und sich dem österreichischen Liedermacher dadurch endlich ein größeres Publikum eröffnet, kann man nur von einer Win-Win-Win-Situation sprechen. Und eine Sorge darf nach dem Durchhören ohne jeden Zweifel gestrichen werden: egal welcher Einflüsse sich Eder in Zukunft noch bedienen wird, egal wie ungezwungen er Genre verbindet und Ideen zusammenfügt, er selbst ist und bleibt das bewegliche Alleinstellungsmerkmal seiner Werke.

Fazit: Inwiefern das, was der Melancholitäter zu berichten hat nun pathetisch ist oder nicht, muss jeder nach eigenem Ermessen entscheiden. Wohl dem, der der wahren Empfindung überhaupt noch fähig ist, der es zulässt sich den kleinen wie auch großen nagenden Fragen zu stellen, zu reflektieren, ein Ventil für all das zu finden um am Ende abschließen zu können. Musikalisch ist es schlichtweg fantastisch.

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Soundcloud

Tourtermine:
06.04. Stellwerk, Waldshut (D)
08.04. rhiz, Wien (A)
09.04. Mike’s Werkstatt, Wien (A)
10.04. Cafe v Lese, Prag (CZ)
11.04. Galerie 13, Dresden (D)
12.04. Kulturhof, Zickra (D)
13.04. Noch Besser Leben, Leipzig (D)
14.04. Galerie Eigenheim, Weimar (D)
15.04. Wohnzimmer, Hadamar (D)
16.04. Kohi, Karlsruhe (D)
18.04. PiRadio 88.4, Berlin (D)
19.04. Edelweiss, Berlin (D)
03.05. Kulturgut, Geboltskirchen (A)
09.05. Cafe Retro, Kopenhagen (DK)
10.05. Melodica Festival, Aarhus (DK)
13.05. Ponybar, Hamburg (D)
14.05. Prinz Willy, Kiel (D)
15.05. Tonfink, Lübeck (D)
16.05. Polyester, Oldenburg (D)
17.05. Raststätte, Aachen (D)
18.05. Eule, Münster (D)
19.05. Cafe Wagner, Jena (D)

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