„Ich bin auf diesen Schaaß ja auch total vorbereitet“ – A Life, A Song, A Cigarette – Ein Erfahrungsbericht

Sonntag, 17. März 2013. 11 Uhr, mitteleuropäische Ortszeit.
Der Winter ist immer noch da. Die Frisur saß nie schlechter. Wir verlassen das graue Etwas, das von den Insassen putzigerweise für eine Stadt gehalten wird, über einen noch trüberen Autobahnzubringer, der Schnee nervt, es ist zu hell. Das an der Windschutzscheibe befestigte iPhone spielt die Lieder der letzten Nacht und so streichelt Red September im selben Rhythmus das Trommelfell, wie der hämmernde Kopfschmerz das Stammhirn. Irgendwo in der Nähe der Porta Westfalica erfinden wir das Spiel „Schreibe eine Konzertreview in der möglichst viele sinnlose Wort-Assoziationsketten vorkommen, die später getaggt (Verschlagwortung, Bibliothekswesen, Preußische Instruktionen, Potsdam, Friedrich II, Schlacht von Königgrätz, etc.) werden können, um möglichst viele Menschen auf A Life, A Song, A Cigarette aufmerksam zu machen, obwohl diese auf der Suche nach etwas inhaltlich anderem waren (Serendipitäts-Prinzip, Viagra, Hugh Heffner, Playboy, Ostern, Eier, Oliver Kahn)“. Was war nur geschehen?!?!?

— RÜCKBLENDE

Donnerstag, 15. März 2013.
Die österreichische Band A Life, A Song, A Cigarette begibt sich nach exakt viel zu langer Zeit wieder auf Metropolentour durch Deutschland. Und was für namenhafte Städte da auf dem Plan stehen: Chemnitz, Haldern, Bielefeld – um nur die wichtigsten zu nennen! Als musikaffiner Mensch im Allgemeinen und Fan im Speziellen darf man da natürlich nicht fehlen.
Unser Weg führt über schneeverwehte, serpentinenartige Landstraßen und die Erkenntnis reift, dass die Strecke der Railley Paris – Dakar auch nicht viel schlimmer sein kann als die 80 Kilometer von Leipzig nach Chemnitz (Karl Marx, Kapitalismus, Euro-Krise, Griechenland, Ouzo, Paracetamol, Übelkeit, Kraftklub). Jedoch entschädigt allein das Aaltra für jegliche Strapazen. Kuscheliges Wohnzimmerfeeling trifft auf jene Behaglichkeit, welche nur von Raucherkneipen ausgestrahlt werden kann. Fummelatmosphäre at it’s very best. Hier sitzt man quasi mit auf der Bühne, die in etwa die Größe eines handelsüblichen Hamsterkäfigs hat.

IMG_3285

Ohne auf Quadratmeterzahlen eingehen zu wollen, darf behauptet werden, dass das Aaltra sehr gut gefüllt ist. Die Créme de la Créme der Chemnitzer Kulturelite tratscht, raucht und trinkt vergnügt, nicht ahnend, dass einer fehlt. Der junge Mann namens Simon, der Freikarten für das kostenlose Konzert an diesem Abend gewonnen hat, glänzt durch Abwesenheit. Was er verpasst hat, soll so authentisch und subjektiv wie nur irgend möglich beschrieben werden – blumige Übertreibungen inklusive:

Daniel, Hannes, Lukas, Martin und Stephan betreten die Bühne und das heitere Geplauder weicht einer gespannten Stille. Das Publikum ist aufmerksam, die Setlist gefüllt mit einem Best-Of der drei Alben Fresh Kills Landfill, Black Air und Tideland, hält zudem aber auch eine schöne Coverversion der Jayhawks (All The Right Reasons) bereit. Grundsympathisch kommen die Österreicher daher, was zwar immer auf den dem Deutschen artverwandten Dialekt geschoben werden kann, in diesem Fall aber auch auf durchaus informative und lustige Songansagen zurückzuführen ist – bissel lang vielleicht, aber dadurch erinnert die Atmosphäre eher an ein Happening, als an die klassische Konzert-Rollenverteilung. Merke: interagiere mit dem Publikum, dann werden dir kleine Abstimmungspatzer ohne Weiteres verziehen.

IMG_3289-tile
Hatten wir vor der Show noch befürchtet die Akustik des kleinen Ladens könnte den voluminösen Sound negativ beeinträchtigen, so werden wir zügig eines Besseren belehrt: das klingt doch erstaunlich gut und so liefern A Life, A Song, A Cigarette ein Konzert, welches allen Erwartungen gerecht wird. Zeigen sie durch unbändige Spielfreude und ihr Können doch deutlich, dass die facettenreichen Songs, die wild zwischen allen möglichen Genres oszillieren, nicht nur auf Platte, sondern vor allem Live hervorragend funktionieren. Gerade die Stücke, die von der Kraft und Ausdrucksstärke der Cello-Elemente leben, beispielsweise Truth, entfalten eine Intensität die im wahrsten Sinne des Wortes packend ist. Die holen einen emotional ganz tief drinnen ab. Das Wichtigste dabei ist jedoch, dass ALASAC trotz all der sich aufbauenden Dramaturgie zahlreicher Songs nie pathetisch oder wie die billige Kopie namenhafter Kollegen wirken. Die Wiener bündeln das Beste der Musikhistorie zu einer Eigeninterpretation, die sich stets wandelt. Und ach, all die herrlichen Effekte, die zu überraschen wissen. Bedauerlich ist an diesem Abend allerhöchstens die Wahl eines Sitzplatzes, z.B. als Change zum Besten gegeben wird. Da will man einfach aufspringen und sich dem Ausdruckstanz hingeben.

„Sollen wir uns das mit der Zugabe sparen und einfach durchspielen oder wollt ihr Klatschen und….ach wir machen’s wie üblich – ich steh auf diesen Zugabeschaaß.“

Der Wunsch des Sängers ist dem Publikum Befehl. Unter von Klatschen begleitetem Gejohle betritt Stephan Stanzel die Bühne erneut – allein. Seine Band verharrt derweil an der Bar, mit der dezenten Bitte er soll erstmal a Solostückerl spielen.

„Ich bin auf diesen Schaaß ja auch total vorbereitet,“ sagt er und setzt zum Alleingang an. Fever ist der Anfang eines Zugabenspektakels, welches sich in der letzten Nummer Tears vollends entlädt. Dabei zuzusehen, wie Lukas Lauermann sein Cello „maltretiert“ und seine vier Kollegen, ebenso ekstatisch, alles daran setzen einen Klangteppich der aller abgefucktesten Extraklasse zu inszenieren, ist für mich schlichtweg der Wahnsinn. „Ein musikalischer Orgasmus,“ um Bassisten Martin Knobloch zu zitieren. Da rollen dann auch tatsächlich ein paar Freudentränen. Zu plakativ? Kann sein, aber um es mit den Worten eines österreichischen Philosophen zu sagen: „Always show what you must show.“

Die folgenden anderthalb Tage sind geprägt von einem Post-Konzert-Blues der grindigsten Sorte und so wird schnell klar, es ist an der Zeit, dass undenkbare zu tun: einen Roadtrip nach Bielefeld. Unter dem Slogan „Ostwestphalen im März – immer eine Reise wert“ ereignete sich am Samstag, 16.03.2013, in etwa dies:
Erleichtert stellen wir fest, dass das Navi behauptet, es gibt die Stadt tatsächlich. Wir vertrauen also blindlings darauf, dass kein humoristisch veranlagter IT-ler (Nerd, Wikileaks, Assange, Schweden, IKEA) sich einen sadistischen Spaß bei der Erstellung der Karten erlaubt hat und biegen frohen Mutes auf die Autobahn, durchqueren die Leipziger Tieflandsbucht, überleben die größten Häßlichkeiten Sachsen-Anhalts nur dank 150 kilometerlangen Augenzuhaltens, lassen Göttingen und Kassel da liegen, wo sie hingehören und erreichen, immer noch recht freudig erregt, unser Ziel:

Bielefeld, du aus dem Boden gestampftes Understatement. Wie problematisch kann es schon sein ein Hotelzimmer hier zu finden. Erstaunlich schwierig, wenn man genau das Wochenende erwischt, an dem eine Mitte-Links (haha!) Splittergruppe namens SPD ihren Parteitag abhält. Alles ausgebucht. Nach unzähligen, erfolglosen Telefonaten wählen wir die Nummer einer Frau, deren Name wie eine Substanz klingt, die vorwiegend den Aufbau körpereigenen Gewebes fördern soll. Frau Bolik – den Vornamen verraten wir aus Respekt und geltenden Persönlichkeitsrechten selbstverständlich nicht – gewährt uns Unterschlupf. Wie sagt der Volksmund so schön: läuft! Es kann los gehen.

Das handverlesene Publikum im Falkendom kann sein Glück kaum fassen, als Stephan Stanzel verkündet, man habe beschlossen „das lange Set“ zu spielen. Um Wiederholungen aus dem Weg zu gehen, verweisen wir lediglich auf das Highlight Wild Horses, ein Stones Cover, das im ALASAC-Kostüm nicht minder beeindruckend ist, und die Tatsache, dass in einer besseren Welt hundertmal so viele Menschen, ebenso überwältigt wie wir, diesen Musikern folgen würden.

IMG_3674

Dass Tragik und Komödie oft Hand in Hand gehen, wissen die Anwesenden spätestens als Marie in etwa so angekündigt wird: „Der nächste Song war unser Durchbruch in Österreich. [umherwandernder Blick durchs weite Rund / langsames Kopfsenken] … unser großer Durchbruch.“ Fabelhaft unterstützend greift Drummer Daniel Grailach ein: „Der hat sich noch nicht bis nach Bielefeld rumgesprochen.“ Sei’s drum. Viel entscheidender ist, dass ausnahmslos alle Konzertbesucher sehr zufrieden aussehen. Die Trauer darüber, dass sich der Auftritt dem Ende neigt, wird von Vorfreude abgelöst, als Stanzel ankündigt, nach dem offiziellen Set noch ein paar Akustiknummern im Publikum zu spielen. „…Hannes und ich können alle Beatles Lieder auf Zuruf.“ Den Rest des Abends verbringt die auf Selbsthilfegruppeniveau geschrumpfte Menge, im Halbkreis sitzend, dementsprechend damit, dabei zuzuhören, wie der ALASAC-Frontmann sein Versprechen wahr macht. Die Beatles werden gecovert, ebenso wie Ian Fisher (Nowhere Train, Missouri, Monstertruckrennen, Überkompensation, Psychoanalyse, Freud), John Lennon und Wiener Mundartstücke. Sagen wir so, eine Privataudienz beim Papst (Argentinien, Rind, Maradonna, Hand Gottes, Cordoba, Stermann&Grissemann) kann auch nicht viel mehr Seelenfrieden spenden.

alasacmix

Am nächsten Morgen werden wir von einem mehr als eindeutig demokratiefeindlichen Taxifahrer zu unserem Automobil chauffiert und wer schon mal in den Genuss eines redenschwingenden Berufskraftfahrers gekommen ist, während pulsierender Katerkopfschmerz den Gedanken formt, dass mit Anlauf in eine Kreissäge zu sprinten einer Erlösung gleich kommt, weiß, was für ein Elend sich über uns ergoss. Doch wer könnte klagen, nach all diesen wunderbaren Eindrücken und Erlebnissen. Die Kopfschmerzen schieben wir im Übrigen auf den billigen Fusel, den wir zu uns genommen haben. Moet irgendwas….Teufelszeug! Um aber mit einem herzerwärmenden Schlusssatz zu enden, ein letztes Zitat.

„Mir tun einfach all die Menschen leid, die euch verpassen.“ Mel

PS: Ein gebirgszuggroßer Dank an diese wundervollen ALASAC-Menschen, die so furchtbar nett zu uns waren, darf an dieser Stelle nicht fehlen. Ich kann gar nicht ausdrücken, was mir diese Musik bedeutet, jeder Versuch wäre zum scheitern verurteilt. Deshalb VIELEN DANK und die allerherzlichsten Grüße aus Leipzig (NewYorkTimes Reisetipp, Völkerschlacht Denkmal, Napoleon, Revolution, Sturm auf die Bastille, Paris, Frankreich, Käse, Schweiz, Glocken, Pamela Anderson, Baywatch, David Hasselhoff, Berliner Mauer, Wiedervereinigung, Kapitalismus, Finanzhaie, Steuerberater, Universalgenie, Goethe, Faust, zurück in Leipzig)

Alle Videos von Bielefeld finden sich hier: EUPHORION!!!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s