Abrechnung: Heino, die Hölle und was Jon Bon Jovi damit zu tun hat

Menschen die Karneval überlebt haben und Religion ernst nehmen, steht der wirklich große Spaß ja erst noch bevor: fasten, verzichten, Buße tun, das Gebet noch intensiver pflegen und alles was im weitesten Sinne mit Askese zu tun hat. Das ist zwar nicht unbedingt unsere Lebenseinstellung, doch ein kürzlich in Erscheinung getretenes Phänomen namens Heino, veranlasst die geläuterte Autorin heute mal zu einer Beichte bzw. hochoffiziellen Entschuldigung. Gebetsbücher und Rosenkränze raus, es wird ernst:

Ich, Ally, möchte mich reinen Herzens bei Ihnen, lieber Jon Bon Jovi, entschuldigen. Behauptete ich doch mit inbrünstiger Gewissheit fast ein Jahrzehnt lang, die Hölle sei zweifelsohne einem Ihrer opulenten Stadienkonzerte nachempfunden, so wurde ich, durch die Veröffentlichung des musikvergewaltigenden Heino Albums, eines Besseren belehrt.
Es entbehrt freilich nicht einer gewissen Süffisanz, wenn ausgerechnet eine Nichtgetaufte sich des Begriffs Hölle bedient und passenderweise zur närrischen Zeit mariannengrabentief in sich hinein gehen muss, um die Begriffe Glaube, Wissen und Elend völlig neu zu überdenken. Aber die Gesellschaftskritiker und Kapitalismusgegner in meiner Gefühlswelt ahnen schon, dass zumindest der Zeitpunkt schiere, pure und boshafte Absicht geldgeiler, koksfrühstückender Produzenten und windiger Buisnesstypen war, die wussten, dass totaler Schrott sich am Besten zu der Zeit verkaufen lässt, in der 98% des (süd-) westlichen Bundesgebietes besoffen gröhlend, als Döner verkleidet, durch die Straßen kriechen, während der Rest zwar nichts damit zu tun haben will, sich aber immerhin darüber amüsiert, zu welcher Musik sich diese „Menschen“ zu Vollhonks machen. Und bitte, sagen Sie es nicht, Jon, ich weiß es, oh, ich weiß es – da draußen gibt es diejenigen die das tatsächlich cool finden, wie sich Opa Heino jetzt als schlageresker Chart-Hells-Angel, der showgerecht in hippe Lederkluft gesprengt wurde, durch jedes Morgen- und Mittagsmagazin des Landes schleifen lässt und in allerfeinster wir-rollen-das-R-noch-wie-richtige-Deutsche-Manier „…die Perrrfektion derrrr besten Arrrt und Weise“ rrrröhrt. Dieses reinkarnierte Etwas fragt noch nicht mal die Originalinterpreten um Erlaubnis. Muss es ja gar nicht, dank der Gema, wirkt aber trotzdem so schön anrüchig illegal. 50 Coolnespunkte extra! Hirnlose Härte, dein Name ist Heino!

Dennoch stets um Diskurs bemüht, lieber Jon, hätte ich dir als Gutmensch die Greenstage aka Vorhölle angeboten, wenn, ja wenn, unser scheidender Ratz diese nicht im Jahr 2007 n.C. abgeschafft hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette! Eine Schande ist das! Denn wohin mit Ihnen, fragt man sich sorgend. Nach all den gemeinsamen von Hass geprägten Jahren kann und will ich Sie nicht aus meinem Gut-Böse-Schema streichen. Und bleiben wir realistisch, Heino wird das Auffangbecken für Dämonen und Fieslinge so schnell nicht verlassen. Einem Mann, der Jahrhunderte im deutschen Schlagergeschäft aktiv war, kann man nicht drohen. Bleibt zur Endlagerung eigentlich nur der Platz am Buzzer neben Xavier Naidoo und jetzt merken wohl auch Sie, armer Jon, was ich dieser Tage erkennen musste: Schlimmer geht eben doch immer! Es tut mir wirklich Leid!

Mit frrrrreundlichen Grüßen,
Ihre Ally

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7 Gedanken zu „Abrechnung: Heino, die Hölle und was Jon Bon Jovi damit zu tun hat

  1. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht recht, inwiefern Heinos Album „musikvergewaltigend“ sein soll. Es ist doch schließlich nicht so, als hätte jetzt ein kommerzialisierter Schlagersänger auf einmal Punk verdorben, nur weil er hier Bands gecovert hat, die erstens genauso überflüssig sind, wie er selbst und die zweitens ihre Musik nach genau demselben kulturindustriellen Fließbandschema produzieren, wie es in jeder Schlagerhölle der Fall ist. Bands wie die Ärzte, Rammstein oder auch die Sportfreunde Stiller stehen ja nun kaum für eine Musik, die versucht die kritischen Möglichkeitsspielräume in der Kultur der verwalteten Warenwelt auszuloten oder dergleichen. Hier kehrt vielmehr wirklich stets das Immergleiche wieder: Dabei stechen dann besonders Rammstein hervor, deren Erfolg sich aus meiner Sicht vor allem aus der völkischen Leni-Riefenstahl-Ästhetik (vgl. „Stripped“) und der Tatsache ergeben dürfte, dass sie die Illusion von Schock und Provokation dadurch hervorrufen, dass sie genau jene plumpen und leicht zugänglichen Stammtischideologien affirmieren, die sich trotz ihres gesellschaftlichen Mainstreamcharakters stets als Außenseiterpositionen imaginieren: Antiamerikanismus („Amerika“), Nationalismus (auch wenn er sich im Falle Rammsteins als selbsternannter „linker Patriotismus“ äußert) etc. (die Liste könnte um einiger ander, auch weniger offensichtliche Dinge ergänzt werden). Nicht zu Unrecht bestätigt Heino der Band ja auch in der Bild, sie hätten ein Talent für volkstümliche Texte.

    Und was ist nun der Witz an der ganzen Geschichte? Damit unterscheiden sie sich eigentlich gar nicht so sehr vom nationalistischen Vollidioten Heino, der in den 70ern „Deutschland, Deutschland über alles“ einsang und auch heute noch der Ansicht ist „nichts Unrechtes getan“ zu haben, jav „sogar stolz“ auf seine Aufnahme ist, obwohl er selbstredend „braune Glatzen“ hasse.

    Ich kann an alledem keine Vergewaltigung der Musik der oben genannten Bands entdecken (auch denen nicht, die einer Tendenz wie bei Rammstein unverdächtig sind), sondern einfach nur ein Cover wie alle anderen auch. Ich würde sogar als positiven Nebeneffekt verbuchen, dass hier für bestimmte Bands ein peinliches Moment auftritt: Nämlich das Sichtbarwerden der Tatsache, dass sich ihre Musik nicht so sehr von der der älteren Semester unterscheidet, wie man es gern inszenieren würde. Wo aber Heino nun bereits von Metalbands auf das Wacken Open Air eingeladen wird, sollte man das wohl auch nicht überbewerten.

    naja
    liebe grüße 🙂
    sad

  2. Lieber SAD, zunächst vielen Dank für deinen wortgewaltigen Beitrag. Wir freuen uns immer über Kritik/Zustimmung/Anregung bzw. generelle Beteiligung.
    Ich stimme in weiten Teilen zu, möchte aber für mich persönlich festhalten, dass es meiner Meinung nach nicht darum geht ob das zu Grunde liegende Originalmaterial meinem Geschmack entspricht oder ich finde, dass deren Künstler besonders wertvolle Beiträge zur Musiklandschaft beisteuern – das ist immer Geschmackssache. Natürlich ebenso wie das, was Heino daraus gemacht hat. Da Letzterer aber nur mehr oder weniger billig covert, dieses medienwirksam aufgeblasen wird und mit einem „krrrrrassen“ Imagewechsel verkauft wird, finde ich einfach lächerlich. Manche Dinge regen einen eben auf, andere Phänomene nicht. Und manchmal schreibt man sich das dann von der Seele 🙂

    Beste Grüße, Ally

    PS: Arrrrrrt Ist – ich danke von Herzen! 🙂

  3. wenn er es wenigstens konsequent auf die volkstümliche schlager schiene gezogen hätte.. aber so etwas unausgegorenes, belangloses habe ich selten gehört..

    das einzig lustige an dem album finde ich, dass heino wohl nich vorher die artists um erlaubnis gefragt hat!

  4. Ja, dass musste er auch nicht, was mit Gema-Lizenzen zusammenhängt. Die hätten also ohnehin nichts dagegen tun können, wirkt aber wie oben geschrieben so schön ungezogen. Lausbub Heino – man möchte brechen!!!

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