„Ich kann nicht spielen, wenn ich an meine Mutter denke“ oder die Kunst der hohen musikalischen Schule „eingebettet“ in morscher Kulisse – Lasse Matthiessen – LU99, Leipzig – 04.05.12

Dass Leipzig, (nicht nur) aus kultureller Sicht, einiges zu bieten hat, ist mittlerweile allseits bekannt. Im reichen Kultur-Potpourri findet man das Gewandhaus, eine Oper, unzählige Konzerthäuser, Musikpavillons, hippe Eventlocations, die Liste lässt sich ausgiebig fortsetzen. Weitgehend unbekannt dagegen ist das LU99, ein sogenanntes Wächterhaus, welches in regelmäßigen Abständen zu musikalischen Kuschel-Sit-Ins einlädt.

Es ist an dieser Stelle unumgänglich, diese schräge Kulisse, vor allem aber das dahinterliegende Projekt, näher zu beschreiben. Denn schon lange vor dem Konzert genießen wir die Atmosphäre, die von diesem Objekt und seinen engagierten Lebenskünstlern ausgeht. Der Verein HausHalten e.V. hat es sich seit 2004 zur Aufgabe gemacht, denkmalgeschützten und bedrohten Häusern in teils kritischer Lage neue Perspektiven zu geben. Das Motto ist denkbar einfach: Hauserhalt durch Nutzung. Die „Bewohner“ oder Wächter des Hauses, achten auf das Eigentum, kümmern sich selbstständig um anfallende Arbeiten und stecken ihre Freizeit in das jeweilige soziale/kulturelle Programm ihrer Bleibe. Um nicht zu viel Lokalkolorit, Sozial- und Kulturpolitik in diesen Musikblog zu packen, begrenzen wir es auf die folgenden Bilder, die zumindest im Ansatz den Charme des LU99 wiedergeben.

Es hat schon etwas grotesk-anziehendes, wie der dänische Musiker Lasse Matthiessen und seine Band im feinen Zwirn durch das Bohème-Ambiente schreiten, wunderbar untermalt von der aus Lautsprechern wabernden Musik Avishai Cohens. Zwischen Möbeln Marke „DDR-Restbestand“ liegt der teure Kontrabass, von den bröckeligen Wänden starren die kalten Blicke der versammelten Habsburger Dynastie und vor der „Bühne“ liegen alte Matratzen – so entsteht in baufälliger Atmosphäre ein frei geschaffener Raum, welcher den idealen Rahmen für das anstehende Set bietet. Vermutlich nicht vergleichbar mit der Akustik, die das Horns Erben zu bieten gehabt hätte, doch sicher ein mehr als wunderbarer Ersatz.

In der Vordudelei, im Fachjargon auch „Support“ genannt, bieten The Alma Church Choir hinreißende, zerbrechliche, verträumte Musik für die ganz, ganz ruhigen Stunden am Kamin oder wo man sich sonst so die Seele aufwärmt: ein Mann, seine Gitarre, eine reizende Begleiterin und als i-Tüpfelchen die Mundharmonika. Fertig ist das Paket. Klingt nach Dylan? Ja, kann man zumindest stellenweise unterschreiben. Doch da die immer gleichen „Klingt nach, klingt wie, klingt besser als“-Resümees sowieso niemanden mehr beeindrucken, bleiben wir bei den emotionalen Fakten. Ein mehr als angenehmer Einstieg, getragen von Andreas Laudweins packender Stimme. Besonders schön und passend die Anekdote, ein Zuschauer sei nach einem Konzert zu ihm gekommen um sich für die wunderbare Musik zu bedanken. Der Hörer wäre bereits nach zwei Liedern sanft eingeschlafen – auch ein Kompliment, irgendwie. „Musik to fall asleep to“ als Marktlücke, sollte man im Gedächtnis behalten.
Auch ruhig, aber gar nicht ermüdend, schließlich die Hauptakteure des Abends: Lasse Matthiessen und Band. Matthiessen stellt schnell fest, dass das Wort „Wohnzimmeratmosphäre“ nicht ausreicht – es hat schon Bettcharakter, wie alle dicht an dicht gedrängt in dem 10 qm² Raum liegen.
Natürlich werden an diesem Abend vordergründig die neuen Stücke des Dead Man Waltz Albums präsentiert. Auch wenn eine Steigerung gegenüber der Platte zu erwarten war, das Live-Resultat überrascht dann doch. Noch intensiver kommen die Balladen daher und der wechselhafte laut-leise-kräftig-gefühlvoll-Mix wird noch spürbarer, in dieser Kuschelkulisse beinahe greifbar. Was nicht zu letzt den Musikern geschuldet ist, die Matthiessen anlässlich der Tour um sich versammelt: Janus Rønn Lind (Keyboarder, mit breitem Lächeln und geschlossenen Augen), Terkel Nørgaard (Schlagzeuger, der den Jazzbesen so liebevoll bedient das Frau sich wünscht Schlagzeug zu sein) und Niels Wilhelm Knudsen (Kontrabass-Spieler der nicht nur das schönste Instrument, sondern auch die beste Frisur zu bieten hatte) – Jazzkünstler par excellence, die den Dänen seit vielen Jahren begleiten.
Hier wird noch jeder Akkord, jede Melodie, jedes einzelne gesungene Wort mimisch zum Ausdruck gebracht. Spätesten an diesem Punkt merkt der Zuhörer, dass Matthiessen seine Songs, seine(n) Beruf(ung) lebt – zugegebenermaßen mit Hang zur großen Geste aber nie affektiert. Und mal ehrlich, es sind doch die großen Momente, das Drama, welches unser Leben erst spannend macht, wenn man es gut dosiert genießen darf. Einigen wir uns also auf den allseits beliebten Begriff „Vollblutmusiker“. Denn, wenn schon der Papa einer war, bleibt einem ja fast nichts anderes übrig. Und weil der Herr Papa dem Musikernachwuchs den guten Rat mit auf den Weg gab, die Pausen für Gespräche mit dem Publikum zu nutzen, plaudert Matthiessen fröhlich drauf los. So erfährt man von ihm einiges über den „Celluloid“-Videodreh in Paris oder dass sich Matthiessens Mutter stets besorgt fragt weshalb seine Lieder derart melancholisch sind und fügt im Nachsatz an „…aber meine Mutter ist eine sehr nette Frau“. Kaum erzählt, verspielt sich der Däne, hat aber lachend die passende Ausrede parat: „Ich kann nicht spielen, wenn ich an meine Mutter denke.“ All das in dieser skandinavisch-deutschen Dialektfärbung, die man vom Sprecher der IKEA-Werbung kennt. Besonders schön, in diesem Zusammenhang, der unglückliche Versuch der Dänen unseren Blognamen auszusprechen, aber das nur am Rande.

Als strahlendes Highlight abschließend die Zugabe „Climb to Bed“, welche Lasse Matthiessen, charmant mit Eigenlob versehen, selbst zu seinen Lieblingsstücken zählt (auch wenn man das ja eigentlich nicht sagen darf). Der fulminante Abschluss eines skurrilen aber vor allem bezaubernden Abends – ein Schlussakt der Matthiessen noch einmal so zeigt wie seine Musik es verspricht: emotional und getrieben von einer Kraft die Gefühle erkennt, benennt und dadurch ganz schlicht trifft, was es zu treffen gilt – das Herz des Hörers.

Fazit: Ich habe im Bezug auf Konzerte vor kurzem die schöne Phrase „atmosphärisch dicht“ im Feuilleton aufgeschnappt – auch wenn ich zunächst dachte wer so etwas schreibt ist selbst nicht ganz atmosphärisch dicht, muss ich meine eigenen Gedanken nun revidieren. Diese beiden Worte bringen es auf den Punkt. Dabei besingt Lasse Matthiessen die zersplitterten Fragmente der Großstadt so bildreich, originell und doch stets vertraut, dass man sich am liebsten gleich in die unendlichen einsamen Weiten des Großstadtdschungels begeben möchte. Ein Genuss der Live erst die volle Wirkungskraft entfaltet. Seine Band beim spielen zu beobachten war allein schon fesselnd genug. Hinzu kommt das Talent des Dänen die Hörer sofort für sich zu begeistern. Seine Art, sein Auftreten und all diese wärmenden Melodien – ein Erlebnis.

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