Konzertbericht: Please don’t put your life in the hands of a rock ’n roll band: Texthänger, viel Privates und der häßlichste Keyboarder der Welt – Fotos Akustikset mit Tom und Deniz, 18.Dezember 2011, Leipzig

Die Konzerte der Band Fotos bieten von je her viel Überraschungspotenzial, was nicht zu Letzt einem oftmals sehr begeisterungsfähigen Publikum geschuldet ist. Dass die (fast schon) legendären Köln-Auftritte der vergangenen Jahre nun bei einem Akustikset in Leipzig (beinahe) getoppt wurden und man als verwöhnter Musikkonsument erneut hoch euphorisiert seinen Heimweg durch die vierte Adventnacht antritt, kam dann aber doch ein bisschen unerwartet.

Den Anfang macht der Herr Polaris. Hm, der Name kommt mir bereits merkwürdig bekannt vor, die Stimme ebenfalls. Der Groschen fällt schließlich bei „Wir melden uns“ – einem wunderbaren Stück deutscher Popgeschichte – so die Beschreibung eines Freundes, der mir das Lied vor einigen Jahren auf einem Mixtape verewigte. Doch widmen wir uns lieber den neuen und nicht minder schönen Stücken des Herrn Polaris. Im vergangenen Jahr erschien sein Album Drehen & Wenden, welches man sich als Freund melodisch-melancholischer, verträumter, deutschsprachiger Musik voller Poesie unbedingt anschaffen sollte. Denn – machen wir es kurz – Der Herr Polaris liefert mit seiner besonderen Stimme, den wundervollen Texten und sympathischen Ansagen den perfekten Einstieg in den musikalischen Abend.

Um eine gelungene Überleitung bemüht, zitieren wir an dieser Stelle mal Monty Python: „And now for something completely different.“

Nehmen wir mal an, man kauft auf Grund plötzlichen Handyverlusts in einem eher mehr als weniger zwielichtigen Elektro An- und Verkauf ein Mobiltelefon um beim hochfahren des Geräts festzustellen, dass darauf diverse (pornographisch angehauchte) Bilder gespeichert sind sowie eine Vielzahl an Handynummern eher mehr als weniger bekannter Prominenter. Was macht man in so einem Fall wohl? Die Zeitung mit den vier Buchstaben anrufen? Gegen sehr viel Geld in einschlägigen Stalker-Foren feilbieten? Erpressen? Die Polizei rufen? Möglichkeiten gibt es viele. Heißt man Tom Hessler und gehört der Band Fotos an, wählt man die Nummer von Nora Tschirner und bittet sie darum im neuesten Videoclip mitzuspielen.

Diese und andere hochinteressante Geschichten zu den einzelnen Liedern, des drei Alben umfassenden Repertoires, bekommt man also bei einem besinnlichen, intimen Fotos-Akustikset erzählt.

Wie zum Beispiel diese, weitaus tragischere, dafür aber lehrreiche: Eine Emailanfrage erreichte die Band vor ihrem Akustik-Gig in Berlin. Ein Fan bittet darum seiner Freundin während des Auftritts einen Heiratsantrag machen zu dürfen, da er diese vor einigen Jahren bei einem Fotos-Konzert kennenlernte. Tom willigt ein und bittet Freunde, Bekannte und auch Deniz ihn daran zu erinnern. „Ich habs natürlich trotzdem vergessen“, und die Tragik wird einem bereits bewusst als Deniz anfügt: „Man muss dazu sagen, die beiden sind extra aus Bonn angereist.“ Es bleibt offen ob die Band zur Wiedergutmachung demnächst eine Hochzeit bespaßen wird – die Feststellung des Abends, ach warum so kleinlich, des Lebens liefert Hessler jedenfalls in Form des Oasis O-Tons: „Please don’t put your life in the hands of a rock’n roll band.“ Und natürlich stimmen wir zu, wer einen Heiratsantrag plant, kann im Ernstfall auch kurz zur Bühne schleichen und der Band ein Zeichen geben. Wie dem auch sei, zum musikalischen also:

Bereits das erste Stück – Nach dem Goldrausch – überrascht. Was im Original guten Gewissens als geladene Popnummer bezeichnet werden kann, wird hier im ruhigen Gewand präsentiert. Der schwermütige Text offenbart derart reduziert vorgetragen neue Facetten und kann sich in dieser Atmosphäre (bestuhlt, weihnachtlich dekoriert, rotweingeschwängert) herzbrecherisch weiter entfalten.

Auch die dann folgenden umarrangierten Lieder  begeistern das andächtig lauschende Publikum. Vor allem das zuletzt erschienene Album „Porzellan“ bietet eine Vielzahl an Songs, die wie für ein Akustikset gemacht scheinen. Dazu gesellen sich sonst nicht präsentierte Songs wie „Katharina“ oder „Fotos“. Aber auch alte Fotos-Klassiker erstrahlen in unerwartetem Glanz. „Wiederhole deinen Rhythmus“ etwa, welches in rapphafter (Rappiger? Rapperesker? Rapperender?) Geschwindigkeit vorgetragen wird, dass selbst textsichere Fans ins Schleudern geraten.

 Es hat schon etwas familiäres, das an dieser Stelle nur schwer zu beschreiben ist. Besonders schön ist die Ankündigung Hesslers, der das Spliff Cover „Heut Nacht“ mit den Worten „die Band mit dem hässlichsten Keyboarder der Welt“ einläutet um bereits während der ersten Strophe einen lupenreinen Texthänger zu haben, dessen Überwindung einige Zeit in Anspruch nimmt. Doch man mag es ihm natürlich in keiner Sekunde übel nehmen, viel zu lustig sind die folgenden Kabbeleien der beiden Akteure.

Nach mehreren regulären Konzerten – darunter der für mich durchaus prägende Werkstatt-Auftritt mit Neimo im Herbst 2009 in Köln – die alle den typischen Fotos-Wahnsinn zum Ausdruck brachten, schafft das Akustikset der beiden Herren es erneut den Zuhörer mit zu nehmen auf eine Reise die, wenn auch deutlich leiser, ebenso im Wahnsinn endet. Leipzig singt bei Giganten brav mit, fordert zwei Zugaben und bekommt diese auch. Die beste Alternative zum Tatort, die schönste Art die Adventsabende zu verbringen und sowieso und überhaupt – Wahnsinn.

PS: Falls sich jemand für das Ende der Geschichte interessiert: Nora Tschirner hat nach Phoenix-Gästelistenplatz-Bestechung leider doch nicht im geplanten Fotos Videoclip mitgespielt, da sie ihre enormen schauspielerischen Fähigkeiten lieber zu einem anderen Lied präsentiert hätte – da hatte dann allerdings die Plattenfirma was dagegen.
Naja, da kann sich jetzt jeder selbst seine Gedanken zu machen…oder auch nicht.

PPS: Ich erspare mir blöde Wortwitze, aber es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, ausgerechnet von einem Fotos-Gig keine Fotos zu haben. Kameraschaden sei Dank.
Beim nächsten Mal, versprochen.

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