Der ultimative Jahresabschlussdialog

Um das Jahr 2011 gebührend und einem Musikblog entsprechend würdig ausklingen zu lassen, beginnen wir diesen epischen Jahresabschluss mit einem total lustigen Songzitat: „Oh fuck it all, I’m gonna have a party.“ (Nada Surf – Blankest Year)
So, damit ist schon mal einiges gesagt, die erste Anspannung ist raus und wir können uns ganz relaxt  dem Wesentlichen widmen. Aus gegebenem Anlass, wird indes (ich wollte einfach mal indes schreiben) der Rest wie folgt, in herzerfrischend jugendlicher Dialogform, ausformuliert.

2011

„Ich muss diesen fucking Jahresabschlussbericht noch schreiben und ich hab absolut keine Ahnung wie ich anfangen soll.“
„Na, dann lass es doch. Liest erstens eh kein Mensch und zweitens hast du doch was Besseres zu tun…ach nee, halt, du hast ja nicht mal was Besseres zu tun.“
„Ulkig! Erstens lesen das zum Beispiel meine Eltern und die Eltern von den anderen und ein, zwei Weggefährten sicher auch.

„Die stehen also entweder in familiärem oder sexuellem Verhältnis zu euch – GRA-TU-LA-TION.“
„Erstens neee und Zweitens *Zungerausstrecken*. Im Ernst, der soll halt anders werden und cool und lässig und so alles in allem dieses hochdramatischschillernde Musikjahr rekapitulieren. So mit Glamour und Stil, du weißt schon.“

„Aha, sehr originelle Idee. Wenn du jetzt noch „fetzig“ oder „hip“ sagst, brech ich auf deinen Jutebeutel mit individuellem Banddesign….Bevor du noch mehr Gin vernichtest um eine Eingebung herbeizutrinken, klau doch einfach bei Intro oder Musikexpress oder wie die ganzen subversiven Musiktrendstalkermagazine so heißen.“
(Kopfschüttelnd) „Du hörst mir nieeeeeee zu. Ich will was ganz, ganz schniekes und du empfiehlst mir Intro und Musikexpress. Wie wär‘s zur Abwechslung mal mit einem konstruktiven Vorschlag, du Spaßvogel?!?“

„Okay, okay. Konstruktiv! Was hat dich denn so bewegt, musikalisch, in diesem Jahr?“
(Nachdenken, gefolgt von Augenverdrehen, kurzer Aha-Aha-Einfall-Blick in den Augen…letztlich, zwei selbstgedrehte Zigaretten, sprich drei Stunden, später) „Schwer zu sagen, durch die acht Monate Auslandsaufenthalt in dieser obskuren exotischen Einöde hab ich natürlich einiges verpasst [1]. Ansonsten, das Gleiche wie in den Jahren davor. Anajo, Ja,Panik, Bon Iver, bissel Jazz, sehr viel alte Musik und so Kram zu dessen Hörerschaft ich und noch ungefähr dreieinhalb andere Menschen gehören….. – Geistesblitz  ….scheiße, verdammt, dass will WIRKLICH keiner Lesen.“ (resignierendes-Kopf-auf-Schreibtischplatte-hauen)

„Na, irgendwas muss doch passiert sein.“
(Theatralisch-qualvoll den Kopfhebend) „Pffff…..Coldplay machen immer noch Musik, warum muss noch recherchiert werden, hat vermutlich mit Geld zu tun. R.E.M dagegen scheinen’s nicht mehr nötig zu haben, was so schade auch nicht ist, wie man im ersten Augenblick vermuten mag. Amy ist gestorben, dabei standen alle Zeichen wieder auf success.

„Würd mich ja interessieren, ob ermittelt wurde, welcher Mensch, das als erstes auf Facebook propagiert hat.“
„Bestimmt ihr Vater. Gibt’s keine Gruppe „Kondolenz 2.0“ oder vielleicht n Trauerapp?!? (Memo an mich: Recherche über Trauerapplikationsbedarf)

„Ich wollt ja immer ein Groupie-App entwickeln, da würde dann der geneigte Fan bzw natürlich die geneigte Fanin (GENDERN!!!) die Tourdaten ihrer Lieblingsband überlappend mit ihrem Zykluskalender angezeigt bekommen. Den ganz Wahllosen werden schlicht die Konzerte in der Stadt bzw. im Umland vorgeschlagen. Und neun Monate später – Rockstarbaby deluxe.“
„Das ist verstörend und intelligent gleichzeitig.“

„Ja so bin ich. Weiter im Musikjahr, was gabs noch?“
„Schön fand ich, wie wildfremde Menschen sich landesweit spontan in die Arme fielen, als die Münchner Freiheit die Trennung vom Frontmann bekannt gab….hm… sonst…‘n paar nette Platten, ziemlich viel Blödsinn, nervige Trends und ein paar wahrhaftige Schätze, wie dieser…na, sag schon, dieser…BO [2]. Kurz um, es war wie immer.“

„Schreib das doch so!?!“
„Ich soll schreiben: Es war immer?“

„Wenns doch so ist. Es ist jedes Jahr der selbe Unfug. Indie- und/oder Elektrobands die im nächsten Jahr keiner mehr kennt, außer sie werden für Mobilfunkanbieterwerbung nochmal aus dem noch frischen Grab gehoben, wohlig eingesaute, etablierte Bands die „endlich“ wieder was neues rausgebracht haben, woran man sich glücklicherweise bereits Ende des Jahres nicht mehr erinnern kann, Trennungen, Tote, Schlammschlachten und irgendwas mit Nirvana.“
„Kulturpessimist!“

„Kultur-Casper!“
„Och nö, lass mich bloß mit dem in Ruhe…So ein Jahresabschluss ist ein bisschen wie Silvester. Man muss unbedingt und auf alle Fälle mit dabei sein und jeder muss noch ne krassere Geschichte dazu erzählen können. Dabeisein, dabeisein, dabeisein…und überall steht das gleiche. Das kann ich doch niemals als kritischen Diskursjournalismus verkaufen…“

„In meinen Augen kannst gerade du sowieso nichts als Journalismus durchgehen lassen, aber das nur am Rande. Apropos Diskurs, mach doch nen Dialog draus.“
„Hey, ich glaub das isses….das is super…das is…“

(singt) „…SO PERFEKT!
„Schnauze.“

„Nimm‘ wenigstens das „fucking“ am Anfang raus.“
„Nö.“

„Kritischer Diskurs, he?“
„Das und Zielgruppenerweiterung – wir brauchen die degenerierten Jugendlichen.“ (Anm. d. Red. für alle Jugendlichen die sich angesprochen fühlen: Worterklärung „degeneriert“)

„Gibs mir aber später zum durchlesen du machst, dauernd Kommas wo, gar, keine hingehören und schreibstWörterzusammen oder mit Trenn-Strich, das sieht ungebildet aus.“
„Ich dachte ich lass es einfach so wie’s aus mir rausfließt. So wie Ja,Panik die allererste Aufnahme von „DMD KIU LIDT“ trotz Fehlern aufs Album gepackt haben, weils so krass emotional war und deshalb ja auch so authentisch. Rohform als Vollendung. Ich werfe Fragen auf, gebe aber natürlich keine Antworten. Stichwort: Räume schaffen. Und es is ja auch irgendwie systemkritisch, so gegen die ganzen Rechtschreibreformen und quasi allem wofür die stehen tun.“

„Dann gehe ich wohl auch recht in der Annahme, dass du das Ganze mit einem total scherzhaften aber im Grunde unterschwellig sozialkritischen Songzitat anfangen willst.“
(Nebulös, den Blick geschärft auf das Nicht-Mac-Book-Pro gerichtet) „Wer weiß, wer weiß…“

In diesem Sinne, wir freuen uns also auf 2012. Auf Musik die uns begeistert, egal ob alt, neu, wiederentdeckt oder gehypt. Auf Bands die plötzlich auftauchen, sich trennen oder einfach immer da sind. Freuen wir uns über Songs die viel zu groß sind, als das sie durch einen Jahresabschlussbericht an eine beliebige Zahl im unendlich dahinschreitenden Musikkalenderstrudel gebannt werden dürften, da sie für uns, und manchmal eben auch nur für uns, die Welt bedeuten. Genießen wir die Lieder, die nur ein kurzes Stück entlang des Weges mit uns gehen um letztlich als Randnotiz im großen Lebenssoundtrack zu versickern und dennoch Emotionen wecken die viel berauschender sind als der Satz „das wurde 2011 veröffentlicht.“ Is doch eigentlich ziemlich egal, wann und wo und wie, der entscheidende Punkt ist, dass wir sie gefunden haben. Nun denn, so soll es bleiben, es zählt nur, was das Herz begehrt.

Streng wissenschaftliche Fußnoten der Redaktion:

[1] Wien, kleiner deutschkritischer Alpenstaat, irgendwo in Europa

[2] Bo Candy And His Broken Dings

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3 Gedanken zu „Der ultimative Jahresabschlussdialog

  1. Ich lese mich gerade quer durch den Blog, mal nach unten, mal nach hinten, und plötzlich bin ich hier gelandet. Jahresrückblick Ende Januar?! Öhh, dachte ich noch so bei mir (bin im gedanklichen Zwiegespräch mit meinem Hirn eher wortkarg) und schon schwuppten meine Augen über die Zeilen, ohne sich aufhalten zu lassen. Wirklich, toller Dialog, witzig, nett und ziemlich schlau. Bin begeistert. Vor allem, da ich der Meinung bin, dass es so sauschwer ist, tolle Dialoge zu schreiben. Meist sind sie zu platt oder zu bemüht, zu lahm oder viel zu prätentiös. Der hier ist anders und verdient Lob!

    • Ein ganz wunderbares Kompliment. Vielen, vielen Dank, sowas liest man natürlich gerne. Was soll ich sagen, ich hab so meine Momente 😉

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