20 Jahre Conne Island – Flittchenbar zu Gast in Leipzig (Ja,Panik / Christiane Rösinger / Hans Unstern / Brockdorff Klanglabor)

Die unerträgliche Leichtigkeit des Sinnlosen oder der Prophet im eigenen Land ist nichts wert:

Ein Abend mit Christiane Rösinger

Donnerstag Nachmittag in Leipzig. Es ist bezaubernd warm, am Markt spielt eine Big Band Glenn Miller Songs, die ganze Stadt scheint sich fröhlich-optimistisch gegen den nahenden Winter zu wehren. Nur ich schlurfe so meines Weges, krampfhaft darüber sinnierend, wie ich die letzten Stunden, insbesondere den Ja,Panik Auftritt, auch nur ansatzweise beschreibend in diesen Blog packen soll. Denn das verstörende Erlebnis den Konzerten dieser Band beiwohnen zu dürfen, ist sich mit all den Widersprüchen anschließend durch den Alltag zu balancieren.

Unsere Geschichte beginnt also am Vorabend im Conne Island, was eigentlich gelogen ist. Die Geschichte zu dieser Geschichte beginnt im Jahr 2007 in einer viel zu kleinen Studentenbude in Köln, als eine zweifelnde Heldin, den (Un-)Glauben in tiefe Melancholie und Einsamkeit gestützt, mehr oder weniger vom Schicksal geleitet das Lied „Marathon“ entdeckt. Etwa 20 Minuten nach der Entdeckung dieses Monstrums war auf Amazon alles zur Gruppe Ja,Panik bestellt und die Heldin ein klein wenig glücklicher. Christiane RösingerNun also, vier Jahre und unzählige Konzerte danach, finden sich gleich diverse hochgelobte Künstler in Leipzig ein. Die legendäre Kreuzberger Flittchenbar lädt ins Conne Island, um anlässlich des 20. Geburtstages des Connewitzer Jugendzentrums gediegen zu feiern. Die Veranstalterin für diesen Abend heißt Christiane Rösinger und ist neben ihrem Soloprojekt, also dem besten deutschsprachigen Album 2010, vor allem als ehemaliges Mitglied der Lassie Singers oder Britta bekannt. Zudem schreibt sie Kolumnen für FM4, ist Buchautorin, Oma und sonstiges Allround-Genie.

Zunächst gönnen wir uns im angrenzenden Café eine Portion alternative Spagetthi Bolognese, vermutlich gewonnen aus glücklichen Hippieschweinen. Man trifft neue Bekannte der hiesigen Musikszene und plaudert ein bisschen, bis die Rösinger den Abend endlich eröffnet. Sie glänzt mit Witz, Charme und ihrer ganz eigenen, beschwingten und mitreissenden Art. Man könnte ihr auch die schlimmsten Gemeinheiten nicht übel nehmen, eine Gabe, um die man sie beneiden muss. Noch bemerkenswerter ist, nach eigenen Angaben, nur ihr stattliches Alter von 120 Jahren, einer Dimension also, die sonst nur von Riesenschildkröten oder Johannes Heesters getoppt wird. Diese eventuell etwas hochgegriffene Jahreszahl wird zum zweiten großen running gag des Abends, welcher dem Motto der Nacht „Zeit“ gewidmet ist. Der obligatorische Stempel, der der Flittchenbar für heute aufgedrückt wird, ist die Sinnlosigkeit. „Es ist ja eh alles sinnlos“ kann getrost als Satz für alles was noch so kommen wird manifestiert werden. Das vor allem Christiane Rösinger und Ja,Panik die Sinnlosigkeit als solche noch ad absurdum führen werden, man konnte es zu diesem Zeitpunkt schon ahnen.

Es wird gescherzt über Sonderschüler, dekadente Wessis, die wohl schönste Zeitform, Futur II, über dies und das und jenes. Auch Rösingers Dauerthema, das böse L-Wort Liebe, wird mit viel Ironie und passgenauer Treffsicherheit beschrieben:

Pärchen stinken, Pärchen lügen
Pärchen winken und fahr’n nach Rügen
Cocktails trinken, Kartoffelchips essen
Händchen halten und die Freunde vergessen
Pärchen verpisst euch, keiner vermisst euch

Man möchte Christiane Rösinger sofort zur besten Freundin haben oder noch besser als lebenserfahrene Tante, die man immer um Rat fragen kann. So oder so ist es nicht schwer sich vorzustellen, wie viel Spaß es machen muss viel Zeit mit dieser geistreichen und humorvollen Frau zu verbringen, die abschließend ganz richtig festellen muss, dass der Prophet im eigenen Land nichts zählt.

Während der durch-und-durch-Künstler Hans Unstern sowie Nadja & Sergej Klang vom Brockdorff Klanglabor ihren Teil zur Show beitragen, machen wir uns am Merch breit. Dort trifft man, wie der Zufall es so will, „alte Bekannte“. Es freut mich Thomas von Bo Candy & His Broken Hearts, der sich offensichtlich in einem Sideprojekt zur Merchandise-Fachverkäuferin ausbilden lässt, mal wieder zu sehen. Auch wenn er mir plus Anhang auf der Bühne deutlich besser gefallen hätte. Ich erwerbe allerlei lebensbereichernden Fankram und überfordere mit der – drei verschiedene Zahlen umfassenden – Rechnung Bassist Stefan Pabst deutlich. Doch wer gutes Personal hat, muss sich über niedere Additionsrechnungen das hübsche Köpfchen nicht zerbrechen,  Thomas kommt in windeseile und ganz ohne Hilfsmittel auf die Endsumme. Ein Poster gibt’s gratis dazu, Danke Jungs, das gibt ordentlich Karmapunkte und noch mehr street credibility.

Ja,Panik

Und dann geht’s auch schon los, die fünf Wahlberliner betreten die Bühne und der Saal füllt sich augenblicklich mit der unbeschreiblichen Ja,Panik-Energie. Im Gegensatz zum Konzert auf dem Reeperbahnfestival spürt man heute eine durchaus positive Stimmung. Zwar geht auch das Leipziger Publikum nicht bis zum Äußersten, was die durchaus tanzbaren Nummern angeht, jedoch scheint auch die Band mehr Interesse am Auftritt zu haben. Andreas Spechtl, der bereits als Klavierbegleiter bei Christiane Rösinger diverse Grinsaussetzer hatte, wirkt mit seinen paar Sätzen geradezu sprühend.

Schnell verliert man sich in der üblichen Konzertwelt, genießt Spechtl mal flüsternd, mal schreiend, die wirren Texte, die Bedeutung von all dem und die Sinnlosigkeit, den Widerspruch, den Pathos, das Treibende. Und ich bin mir langsam sicher, dass ist gar nicht personal. Es wäre, im Sinne einer Review, vermutlich taktisch klug auf die musikalischen Highlights hinzuweisen, auf die Stimmung, die Kulisse, ferner darauf einzugehen wie wichtig diese Band zur Stunde ist, aber mal ehrlich, kann man das beschreiben? Will und sollte man das überhaupt? Lassen wir Ja,Panik für sich selbst sprechen:

Und am Ende bleib‘ ich übrig,
wie sich das so gehört
Ich lerne langsam sprechen
und dass man sich nicht selbst zerstört
Doch vielleicht sollt‘ ich davon gar nicht lassen
Es hat ja alles keinen Sinn
Der Hass hat sich so tief in mich gefressen,
dass ich wohl ganz verloren bin

Ach, verdammt…

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