Das-Reeperbahnfestival-Tagebuch-Teil III

Von Zufällen, dem Phänomen Bratze und einer Liebe die nie endet

Finale in Hamburg. Der Samstag des Reeperbahnfestivals beginnt vielversprechend. Es ist fantastisch schönes Septemberwetter, die Stadt regsam und die besten deutschsprachigen Bands der Stunde warten auf ihren Startschuss. Doch erst einmal genieße das Nachkonzertfeeling, verabrede mich zum Kaffee und laufe, wie sich das für eine Millionenstadt gehört, meinen Nachtbekanntschaften über den Weg. Im Schanzenviertel trifft man sich eben, auch wenn weder die drei Jungs noch ich aus Hamburg sind. Wir beschließen uns später gemeinsam bei Bratze zu treffen und trennen uns nach kurzem Smalltalk ein wenig peinlich berührt, auf Grund der doch unerwarteten Situation.

Pigeon John im Uebel&Gefährlich

Sechs Stunden, zwei Kaffee und einen Campari-Grapefruit später, warte ich erneut gut gelaunt im Uebel&Gefährlich auf einen vielversprechenden Act. Dieser nennt sich Pigeon John und kommt aus dem schönen California. Mit „The Bomb“ gelang ihm in diesem Sommer ein deutschlandweiter Erfolg, auch wenn sich das in den Charts „nur“ auf Platz 40 bemerkbar machte. Der HipHop-Rapper bespaßt die leider relativ kleine Menge an Zuschauern. Doch so richtig will der Funke, zumindest bei mir, nicht überspringen. Die Show ist gut, keine Frage, aber ich habe das Gefühl irgendetwas fehlt. Es wird ein bisschen getanzt, die Leute bewegen sich, spenden freundlichen Applaus, aber ich will mehr. Aus diesem Grund mache ich mich auf den Weg in die große Freiheit 36 – Supershirt spielen dort. Zuvor werde ich auf meinem Weg über die Reeperbahn noch von ein paar Indiemädels untergehakt und muss tanzen, vor einem VW-Bus der lauten Elektro-Swing aus den viel zu kleinen Boxen hämmert. Die Laune auf den Straßen rund um den Spielbudenplatz ist positiv geladen, man muss einfach guter Dinge sein.

Aber zurück zu Supershirt. Zugegeben, das Publikum sieht zum Großteil so aus als würde es kollektiv den bestandenen Führerschein feiern, drastisch unter 20, aber die Stimmung ist extrem gut. Man pogt und springt und lässt einfach mal alles Angestaute raus. Die deutschsprachige Elektro-Punk-Schiene boomt schon seit längerem und Supershirt ist in der ersten Liga vertreten. Die große Freiheit 36 ist als Austragungsort dieser Spiele genau richtig, auch Bratze werden hier eine Stunde später auftreten. Leider muss ich zum ersten Mal meine Kamera abgeben, mit Fotomaterial kann also nicht gedient werden. Doch spätestens bei Bratze bin ich froh, dass das gute Stück in Sicherheit ist. Zunächst aber steuert trotz großem Menschengewühl meine Verabredung zielgerichtet auf mich zu und ich frage mich für was ich mich eigentlich modernen Kommunikationsmitteln hergebe – der Zufall richtet‘s doch auch. Wir vier trinken und quatschen, auf der Bühne versucht ein sympathischer Schweizer während des Umbaus dem Publikum Beatboxen beizubringen. Was zwar nur wenig Erfolg zeigt, jedoch sehr unterhaltsam ist. Und dann wird der angenehme Festivaltag von einem Phänomen namens Bratze gesprengt – laut, lauter, mehr, mehr, mehr. Es ist wahnsinnig heiß und in regelmäßigen Abständen fliegen halbvolle Bierbecher über die ohnehin durchnässten Menschen. Bemerkenswert wie aggressionsfrei und geradezu liebevoll Pogo und völliges Ausrasten sein kann. Ich bin begeistert von den vielen stolzen Audiolith-Shirtträgern, die ihre Liebe zum wohl besten Hamburger Label offen zur Schau tragen.

Pünktlich zum Abpfiff renne ich eine Station weiter. Gegenüber der Freiheit liegt das Gruenspan und auch hier muss meine Kamera draußen bleiben. Ich sehe aus wie frisch getauft als ich mich fantypisch in die erste Reihe drängele. Ja,Panik werden wenige Minuten später ein Best-Of aus vier grandiosen Studioalben präsentieren, natürlich geprägt von ihrer stark gehypten aktuellen Scheibe „DMD KIU LIDT“. Das dieser neue Bohemestil auch viele Zuschauer anzieht hatte ich erwartet, ein prall gefülltes Gruenspan hingegen überrascht mich dann doch. Direkt vor mir platziert sich im „Pressegraben“ ein Filmteam vom WDR und natürlich hat der Kameramann sich mit absoluter Treffsicherheit MICH als Ziel für seine „Publikumsaufnahmen“ ausgesucht. Jetzt kann sich jeder der schon mal ein Bratzekonzert besucht hat in etwa vorstellen wie frisch und erholt ich ausgesehen habe. Für alle anderen –  ihr wollt es gar nicht wissen. Doch da muss ich jetzt durch. Also immer schön mitsingen und auf die Bühne starren, nur nicht in die Kamera gucken.

Nun gut, was soll ich über Ja,Panik sagen. Es war, wie immer, phänomenal. Dass die um Sänger Andreas Spechtl formierte Band eher wenig redet auf Konzerten ist bekannt und ändert sich auch an diesem Abend nicht. Auch kleinere Fehler schleichen sich hier und da ein, da kann auch schon mal der ein oder andere falsche Akkord angestimmt werden oder Texte neu interpretiert werden. So etwas kennt der geneigte Fan ja schon. DMD KIU LIDT und seine Songs unterscheiden sich deutlich von den älteren Stücken, kommen aber sehr gut an. Mir fehlen zwar meine liebgewonnen Klassiker, dafür entdeckt man neue wunderschöne Stücke, wie „Nevermind“. Ein Song der mit jeder Strophe eines der Bandmitglieder umsingt wird in der Liveversion vom jeweiligen Protagonisten selbst vorgetragen. Als mit „The Evening Sun“ das finale Schlussakt angestimmt wird, mache ich mich auf den Weg zum Merch und genieße die letzten Ja,Panik-Klänge von der letzten Reihe aus. Ich bin wie immer völlig hin und weg und wirke sicherlich hochgradig high als ich das Gruenspan verlasse um (ACHTUNG SCHICKSAL) 50% meiner Reisegruppe Reeperbahnfestival in die Arme zu laufen. Das war dann aber wirklich der letzte Zufall für diesen Abend. Wir machen uns gemütlich auf den Heimweg, genehmigen uns noch was Leckeres vom Türken und schlafen irgendwann in den Morgenstunden zufrieden ein.

Nach fünf Tagen Hamburg und 48 erlebnisreichen Reeperbahnstunden bleiben zahlreiche Eindrücke und Erkenntnisse zurück. Das auch weite Wege auf einem Festival großen Spaß machen können, das man Personen die man treffen soll auch tatsächlich trifft, meine Liebe zu Ja,Panik nie enden wird und das St.Pauli einfach das bessere Hamburg ist. Die Stadt wirbt mit diesem Festival für die kreativste Nachbarschaft des Landes und zumindest für diese Tage kann ich mir kaum eine interessantere Location vorstellen. Die Auswahl der Bands umfasst ein so breites Spektrum und bietet so viele tolle Clubs und Open-Air Veranstaltungen, dass ich im nächsten Jahr unbedingt wieder dabei sein muss.

Tschöö!!

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