The Irrepressibles, ZAKK Düsseldorf 04.05.2011

Das wohl Schwierigste an einem Text ist der Anfang. Deshalb fange ich einfach mitten drin an – ihr werdet euch schon zurechtfinden. Am Mittwoch hatte ich einen recht einfachen Tagesablauf geplant. Früh zur Arbeit, spät nach Hause und mich dann um das Pappgebirge kümmern, das sich in meinem Flur aufgebäumt hat. Um 13:20 Uhr wurde dieses, zugegebener Maßen langweilige aber im Grunde notwendige Vorhaben umgeworfen. Die „Musikszene Düsseldorf“ war so freundlich mir zwei Freikarten für das Irrepressibles Konzert am Abend im ZAKK zur Verfügung zu stellen. An dieser Stelle noch mal vielen Dank für die Karten. Nun gut, Papier ist geduldig – das sollte auch für Pappstapel gelten. Also geht’s um 21:00 zum beliebten Kulturzentrum in die Fichtenstraße.
Dort angekommen fiel mir eins auf. Es ist nicht viel los. Der Konzertsaal ist leer, aber bestuhlt – es scheinen also ohnehin nicht allzu viele Leute erwartet zu werden. Meine anfängliche Freude über die Freikarten wird leicht getrübt. Aber das Konzert hat ja noch nicht angefangen.

An dieser Stelle muss ich zugeben, dass ich mich im Vorfeld nicht wirklich intensiv mit The Irrepressibles (Die Unbezähmbaren) auseinandergesetzt habe. Klar war, dass Kammerpop (Baroque-Pop – also eine Mischung aus klassischer Musik und Popmusik, die bisweilen auch sehr experimentell daher kommen kann) geboten wird. Die Band kommt aus London und hatte mit der Platte „Mirror Mirror“ im letzten Jahr die Kritiker reihenweise begeistert. Das neunköpfige Orchester, welches sich um Countertenor und Komponist John McDermott schart, verfügt unter anderem über Perkussionsinstrumente, Klarinette, Saxofon, Flöte, Oboe, Cello, Violine, Kontrabass und Klavier. Eigentlich eine Reihe von guter Vorzeichen für einen gelungenen Konzertabend. Selber beschreibt die Gruppe ihre Musik übrigens wie folgt: „Eine erhabene, surreale Sensation, eine übersprudelnde Explosion an Emotionen, ein fantastisch schwülstiger und heftiger Barock-Schock.“ Von dem Album kannte ich lediglich „In This Shirt“ und hatte es für gut befunden – was auch der Grund war, warum ich ursprünglich an dem Gewinnspiel teilgenommen hatte.

The Irrepressibles, ZAKK Düsseldorf 04.05.2011

Soviel zur Theorie – das Fehlende Publikum begann mir dennoch allmählich sorgen zu machen. Kurz bevor es losgehen sollte, füllte sich der Raum dann doch noch. Am Ende waren es wohl knapp 100 Zuschauer. Das Licht geht aus. Gestalten schleichen sich auf die Bühne – es geht los. Die Musiker spielen sich warm ein Geschwirr von Klängen erfüllt der Raum, ganz so wie bei vor einem Konzert in der Philharmonie. Der Raum ist noch immer verdunkelt, nur schemenhaft können wir die Musiker auf der Bühne erahnen. Jemand atmet laut ein. Eine Glühbirne fängt langsam an zu schimmer. Die Person atmet aus. Ein zweites Licht gesellt sich dazu – das Atmen wird schwerer und schneller immer heller leuchten die beiden Lampen. Man fragt sich schon, wie lange das noch dauern soll. Irgendwie fühlt man sich unwohl in einem dunklen Raum mit fremden und einem keuchenden Unbekannten auf der Bühne. Dann Ruhe die Gruppe stimmt „I’ll Maybe Let You“ an. Die unheimliche Stimmung wird nochmals verstärkt. Das Licht geht an. John McDermott zeigt sich als düsterer Clown in hellblauem Anzug. Seine Bewegungen gleichen mehr einer Marionette. Spätestens mit dem letzten Ton des Stücks wird klar, dass Publikum ist völlig gefesselt. Es dauert ein wenig, bis wir aus unserem düsterem Traum erwachen und in Applaus verfallen. In den nächsten zwei Stunden versteht es John McDermott uns in seine Welt zu ziehen, zu faszinieren, zu begeistern. Mit seinen unbequemen, affektierten Bewegungen führt er als Pantomime durch sein Programm. Der absolute Höhepunkt der Show bildet die Zugabe „In This Shirt“. Hier ziehen The Irrepressibles nochmals alle Register. Der Song führt nochmals durch Höhen und Tiefen des Abends – die durch die perfekte Choreographie von Musikern und Lichtelementen einfach nur Beeindruckend wirkt – echtes Gänsehautfeeling inklusive. Nach dem Konzert gibt es minutenlange Ovationen. Die Künstlern etwas überrascht, freuten sich aber sichtlich über die Reaktion. McDermott ist sichtlich gerührt und ich mache mich auf den Weg nach Hause.
Warum das Konzept so gut aufgeht, vermag ich nicht zu sagen. Ich kann lediglich Vergleiche zu Carbaret oder Rocky Horror Picture ziehen. Ein Irrepressibles Konzert ist nicht einfach Musik, sondern Theater. John McDermott setzt sich und sein Orchester perfekt in Szene. Ein Vergleich zu David Bowie scheint mir auch nicht allzu vewegen. Bowie hat es auch immer wieder geschafft, sich zu inszenieren und schräge Charaktere zu kreieren. Die Stimme von Countertenor McDermott konnte auf der Platte zuweilen nervig sein. Live ist dieser „eunuchenähnliche Gesang“ aber absolut genial. Im Resultat kann ich mich nur nochmals für diese Freikarte bedanken und jedem Empfehlen ein Konzert der Irrepressibles zu besuchen. Es lohnt sich wirklich.

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3 Gedanken zu „The Irrepressibles, ZAKK Düsseldorf 04.05.2011

  1. Vielen Dank für die Berichterstattung, Dirk! Es war in der Tat ein beeindruckendes und emotionales Konzert, da kann man auch ein Auge bei diesem einen überschwenglichen Konzertbesucher zurücken ;). Sind es wirklich 100 Anwesende geworden? Hätt ich so gar nicht geschätz, weil es so übersichtlich war. Ich denke, dass sich in den nächsten Jahren deutlich mehr Fans zu Konzerten der Irrepressibles zusmammenfinden werden. Und ich weiss nicht, ob Du schon den Versuch unternommen hattest, die McDermotts Stimme auf Albumlänge anzutesten, aber ich finde, dass sie GANZ erträglich ist 😉

    Schöne Grüße, Olga

    • Hallo Olga, ich habe dich natürlich nicht vergessen. Das Video soll heute auch noch online gehen – hoffe es klappt bald (da gab es ein paar technische Probleme) – Ich werde jetzt selbstverständlich auch dem Album nochmal eine Chance geben 😀 – ich habe wegen der Zuschauer beim ZAKK nachgefragt – erschien mir auch viel…

  2. Hi, Dirk!
    Wäre super, wenn es mit dem Video klappen würde (meine sind übrigens bei YT zu finden 😉 ) – werde hier regelmäßig vorbeischauen, ob es schon online ist. Die Seite mit Verlosungen ist also „Musikszene Düsseldorf“? Danke für den Tip! 🙂
    Und wegen Album „Mirror Mirror“: Am besten zuerst das „Forget The Past“ paar mal anhören. Dann klappt es schon auch mit „Gesamtkunstwerk knacken“ 😀

    Viele Grüße,
    Olga

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