Anajo – 26/27.11.2010 – Molotow/Hamburg & Privatclub/Berlin

Puuuuuhhhh! Ich weiß, ich weiß – bin spät dran. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Der weitreichendste hat mit einem geklauten Laptop zu tun, genauer gesagt, MEINEM geklauten Laptop, aber dazu später mehr…

Denn zunächst möchte ich mich mit einer tiefgründigeren Frage auseinandersetzen. Warum hat man eine Lieblingsband und tut jeden auch noch so aufwendigen Blödsinn um das 20. Konzert zu sehen? Sowohl in Hamburg als auch Berlin, wurde mir diese Frage gestellt. Fast schon philosophisch antworte ich jeweils nur mit: „Ach, das würdest du sowieso nicht verstehen.“ Das ist kryptisch, okay. Aber es ist die Wahrheit und hat den Vorteil, dass das Gegenüber nicht mitbekommt, dass ich ja selbst keinen blassen Schimmer hab. Warum also hab ich schon über 20 Anajo-Konzerte gesehen („Wird das nicht langweilig mit der Zeit?“ – ist auch so `ne beliebte Frage) und warum fahr ich viele hundert Kilometer und nehme Wetterkapriolen jeglicher Art sowie stundenlange Aufenthalte auf diversen Autobahnen und Landstraßen in Kauf? „Es ist ein bisschen wie mit der Liebe“, höre ich mich im Berliner Privatclub sagen „man weiß eigentlich nicht genau weshalb es so ist, aber das Gefühl das du hast, sagt dir, dass es richtig ist. Objektiv gesehen weiß man, dass die Person die man liebt nicht die allerschönste ist, dass es lustigere oder intelligentere Menschen gibt, aber das ist letztlich egal, weil man einfach liebt.“ Auf die Musik übertragen weiß ich natürlich, dass es Bands gibt die schönere Melodien schreiben, die ihre Instrumente noch besser beherrschen, lyrischere Texte schreiben und nicht so bubble-gum-catchy daher kommen. Aber mal ehrlich, wer will schon Perfektion? Perfektion ist der sichere Weg zu Langeweile. Es ist das gesamte Anajo-Paket, das ich liebe. Durch die Band habe ich Freunde kennen gelernt, die ich nie mehr missen möchte, ich habe Städte und Orte gesehen die ich wohl sonst nie bereist hätte (bspw. Amriswil oder Essen) und ich lerne ständig tolle Menschen kennen.
Ultras in Action

Es ist das drum herum, die Liebe zur Musik und die Tatsache, dass man sich „auf Tour“ manchmal mehr zu Hause fühlt als in den eigenen vier Wänden. Und so finde ich mich an einem fröhlichen Donnerstagmorgen an einem nicht erwähnenswerten Allgäuer Bahnhof ein, um acht Stunden später die Lichter Hamburgs hoch erfreut in Augenschein zu nehmen. Anajo Ultras Kollege Clemens leistet mir ab Würzburg Gesellschaft und so machen wir uns zu Zweit auf den Weg zur „Kogge“ – dem wohl besten Hostel Hamburgs, direkt an den Landungsbrücken. Zur Begrüßung erhält man hier einen kleinen Willkommensschnaps – sympathischer geht’s nicht.
Der Weg zum Molotow führt unsere mittlerweile vierköpfige Gruppe vorbei an der Herbertstraße und über den Sexy-Weihnachtsmarkt – St. Pauli deluxe!!! Wer das Molotow nicht kennt dem sei gesagt, es ist der Wahnsinn. Klar, dass wir Bayern erstmal in vollen Zügen vom Recht drinnen Rauchen zu dürfen Gebrauch machen. Multikulturell eingestellt, freunden wir uns schnell mit dem Barkeeper an. Es folgen einige Astras, Gin-Tonics und Shots, ehe Markus erleichtert feststellt, dass die Anajos im Keller spielen werden. Die „Bühne“ im oberen Bereich dürfte knapp an der Grenze der EU-Richtlinien des Raumbedarfs für Legehennen liegen, aber das soll ja nicht unser Problem sein.
Erleichtert und angeheitert starten wir also in den Konzertabend. Zunächst begeistert Francesco Wilking, bekannt als Tele-Frontmann, mit seinem Solo-Programm. Dieser etwas freakig anmutende, schlacksige Typ mit der Stimme, die mich persönlich vollkommen abschalten lässt, ist durch und durch einnehmend. Er witzelt, macht Komplimente, liest Gedichte und singt seine neuen Lieder, ein wirklich angenehmer Einstieg.
Francesco Wilking

Dann ist es endlich soweit, ich erlebe Anajo zum ersten Mal als Quartett. Albrecht Schrader, neu an den Tasten dabei, sammelt bei seinem Heimspiel gleich ordentlich Sympathiepunkte. Er verstärkt Anajo nicht nur optisch (nach Aussage der ersten Reihe), auch karlauertechnisch soll er schon dollere Zoten rausgehauen haben als der Rest der Band. Aber im Ernst, Schrader ist ein Gewinn für den Sound der Augsburger und soll doch bitte, bitte auch Bestandteil der anstehenden Frühjahrtour bleiben. Auch wenn in Hamburg der Laptop nur wenig Interesse daran zeigte zu funktionieren, war es ein nettes Konzert. Lediglich vom Hamburger Publikum hatten wir uns alle mehr versprochen. Eher schiefe Blicke und blöde Kommentare erntete unser Versuch ein wenig zu tanzen und so etwas wie konzertfeeling aufkommen zu lassen. Sei’s drum. Die neuen Songs sind, untertrieben gesprochen, eine Wucht. Es klingt typisch nach den Jungs und trotzdem noch besser. Auch wenn der geneigte Fan lange warten musste auf neuen Süßstoff Marke Anajo, in diesem Fall hat es sich absolut gelohnt. Im Februar ist Release-Termin und ein Kauf ist mehr als Pflicht.
Schön war es, mal wieder „Sonne über Haunstetten“ zu hören, als kleiner Lückenfüller, während der Laptop versuchsweise neu gestartet wurde. Half zwar nicht wirklich was (das neu starten), dennoch gehen wir alle recht zufrieden und glücklich nach Hause. Allerdings erst nachdem wir uns bei Francesco Wilking sein neues Album mit persönlichem und unikatem Gedicht abgeholt hatten. Ne kleine Schlendertour über den Kiez mit Besuch der berühmten ESSO-Tankstelle musste dann irgendwie auch noch sein, ehe die Kogge uns herzlich mit Metalgedonner empfing.

(Ich weiß ich spring in den Zeiten hin und her….das is’n Stilmittel, klar?!?)

Nach viel zu vielen Zigaretten und dem ein oder anderen alkoholischen Getränk (ergo, viel zu wenig Schlaf für Clemens und mich) machen wir uns Freitagmorgen auf den Weg in die Hauptstadt. Der Weg über Deutschlands Autobahnen lässt uns alle unisono zu der Meinung gelangen, doch bitte niemals in die brandenburgische Tiefebene ziehen zu müssen. Falls das jemand aus Brandenburg liest, eine kleine, völlig nebensächliche, Zwischenfrage: Ist es eigentlich Zufall, dass der Belag der Autobahn braun wird, direkt nach dem farbenfrohen „Willkommen in Brandenburg“-Schild?
Naja, zurück zum Thema: Die Hauptstadt empfängt uns mit Schnee. Wir checken im Aletto Jugendhostel im kultigen Stadtteil Kreuzberg ein. Kurzes frisch machen, bummeln durch die Bergmannstraße, kroatisch speisen, Nürnberg-Mainz anschauen und ab in den Privatclub. Ich treffe dort Freunde (Danke Thomas, fürs Lachen, in den Arm nehmen und einfach da sein :-)) und bin gespannt ob das Berliner Publikum mehr drauf hat. Formulieren wir es mal so, die Leute machen das luschige Verhalten am Abend zuvor mehr als wett. Berlin rockt!! Und sogar der Laptop funktioniert einwandfrei. Man springt, tanzt, singt mit. Die neuen Lieder kommen gut an. „Mädchenmusik“ ist schon jetzt die ultimative Live-Mitmach-Nummer und kaum aus dem Repertoire wegzudenken. Mein heimlicher Favorit ist der neue Abschlusssong „Mann im Mond“, textlich typisch Gottwald mit einem Sound der träumen lässt. Alles in allem ein spitzen Konzert. Die Wahl der Location war, wie schon in Hamburg, kaum zu toppen. Club-Gigs sind ohnehin cooler als große Hallen.
Anajo

Apropos Halle: Begeistert stellen wir fest, dass die über dem Privatclub befindliche „Markthalle“ DIE Markthalle aus dem Herr Lehmann-Roman ist. Hocherfreut ob dieser Erkenntnis nehmen wir an der Theke ein Getränk zu uns (Schweinebraten hatten sie leider nicht – für Insider ;)) und lernen dadurch bzw. durch Clemens Talent alles und jeden in ein Gespräch zu verwickeln den Sänger von Fleisch ist mein Gemüse kennen, besser bekannt als Kieler Tatortkommissar. Die Nacht wird noch lang und am morgen fällt mir auf, dass mein Laptop gestohlen wurde. Enines Ipod, meinen Geldbeutel und das Ladekabel haben die Diebe in einem Anflug aus Mitleid oder vermutlich nur aus Dummheit zum Glück liegen lassen. Der Samstag beginnt also mit einem netten Gespräch zweier Berliner Polizisten, die dann immerhin feststellen, dass die Tür zu unserem Zimmer defekt und somit für Jedermann zugänglich war.

Was also bleibt von zwei Konzerten, zwei Städten und wieder mal etlichen Kilometern? Die Erkenntnis, dass auch das zigmaligste Konzert nicht langweilig wird, man auf Tour immer wieder Neues erlebt und das dritte Album von Anajo mich schon jetzt völlig umhaut. Bis zum 11. Februar zu warten grenzt zwar an Folter, aber so ist das in der Liebe – warten zahlt sich aus.
PS: Braucht jemand ein Ladekabel für einen eMachines Laptop? Günstig abzugeben!! Interesse? Mailt an LauschRausch 🙂

PPS: Noch mehr Fotos und die Tourdaten gibts bei den Anajo Ultras und Anajo selbst

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Ein Gedanke zu „Anajo – 26/27.11.2010 – Molotow/Hamburg & Privatclub/Berlin

  1. „… Städte und Orte (…) die ich wohl sonst nie bereist hätte (bspw. Amriswil oder Essen)“…
    –> sehr geil..

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