Please kill me – Die unzensierte Geschichte des Punk (Legs McNeil und Gillian McCain)

 

Musik kann nie laut genug sein. Am besten steckt man seinen Kopf in den Lautsprecher. Lauter, lauter, lauter. (Lou Reed)

Es gibt viele gute Gründe ein Buch zu schreiben. Von außergewöhnlichen Erlebnissen bis hin zum Gefühl der Berufung es lassen sich viele Motive finden. Leg McNeils und Gillian McCains Beweggründe waren doch etwas außergewöhnlich: „Wir waren einfach depressiv.“ Das Ergebnis dieser Selbsttherapie heißt „Please kill me – Die unzensierte Geschichte des Punk“ und erzählt auf 509 Seiten die ereignisreiche Entstehung der amerikanischen Punkströmung.
Roderich Edward, alias Legs McNeil, 1956 in Chesire, Conneticut geboren, war Redakteur verschiedener Magazine u.a. „Spin“ und „Nerve“. Zudem, zählt er im zarten Alter von 18 Jahren, als Mitbegründer der Zeitschrift „Punk“. Auch wenn McNeil das Wort „Punk“ freilich nicht erfunden hat, so wurde das gleichnamige Fanzine zugleich Sprachrohr, Namensgeber und Stempel einer ganzen Musikära. Schon damals, 1974, war klar, dass das Wort für mehr als nur eine bestimmte Musikrichtung steht. Punk, das war eine Lebenseinstellung.

Zusammen können die beiden Autoren auf viele Hundert Interviews mit den Hauptcharakteren der amerikanischen Punkbewegung zurückgreifen. Dies prägt den Aufbau von „Please kill me“ deutlich. Die chronologische Zusammensetzung der O-Töne, gesammelt aus eben diesen Interviews ebenso wie alten Quellen, lässt dieses Buch beinahe wie einen Roman wirken. Intelligent aneinander gereihte, meist kurze Zitate und Anekdoten, aus mehreren Perspektiven geschildert, hinterlassen beim Leser das seltsame Gefühl selbst mitten im Geschehen zu sein. Gerade so, als säße man direkt mit den großen Heroen des Punk-Rock in gemütlicher Runde um die alten Geschichten aufleben zu lassen. Das diese Erzählform niemals objektiv sein kann, versteht sich von selbst, schmälert das Lesevergnügen jedoch nicht im Geringsten.

Doch ganz so einfach ist die Lektüre nicht. Gewisse Kenntnisse in der Branche werden vorausgesetzt. Der collagenhafte Aufbau kann mitunter verwirrend sein. Bei über 200 interviewten Protagonisten kein Wunder. Hat man sich jedoch erstmal an die vielen Erzähler gewöhnt, wird es von Kapitel zu Kapitel spannender die endlosen Verbindungen innerhalb der neu entstehenden Subkultur zu ergründen. In fünf Kapiteln, von 1965 bis 1980, erhält man Einblick in die Zusammenhänge und Entstehungen der ganz Großen jener Zeit. Niemals Konzeptlos, dafür umso schonungsloser, werden alle noch so erschreckenden, verstörenden, teils perversen Details der Szene offen gelegt. Beginnend in den 60ern, jener Zeit als Lou Reed und seine Velvet Underground in Andy Warhols Factory rumlungerten. Als die musikalische Richtung neu und noch namenlos war. So entstehen Beschreibungen von Künstlern, die von den meisten heute nicht zum eigentlichen Punk gezählt werden. Vielmehr gelten Iggy and the Stooges, MC5, the Ramones, David Bowie oder die New York Dolls als Vorläufer des Genres. Dazu passt, dass McNeil und McCain alles da enden lassen, wo der britische Ableger beginnt: bei den SexPistols.
Dem Leser wird schnell klargemacht, dass diese musikalische Geschichte des Punks nur einen Ursprung haben kann – New York. Vor allem das legendäre CBGB’s bildet einen gewichteten Mittelpunkt. Jener Schuppen, der vielen später abgefeierten Musikgrößen erste Live-Auftritte verschaffte.

Enttäuscht wird nur, wer zwischen all den Exzessen, Partys und musikalischen Geniestreichen politisches Engagement erwartet. Während man die britische Version des Punks immerhin noch mit Rebellion in Verbindung brachte, hatten die amerikanischen Vertreter an Politik recht wenig Interesse. Bis auf ein paar Hakenkreuz-Anspielungen und der üblichen amerikanischen Patriotismusschiene findet man wenig politische Äußerungen. Als einzige Ausnahme erscheint der sexuelle, genauer gesagt ambivalent-homoerotische Tabubruch. Während einerseits die typischen chauvinistischen Rockstarklischees bestätigt wurden, war andererseits ebenso das Spielen mit der Homoerotik großer Teil der Bühnenshows. Bekannteste Beispiele waren Iggy Pops Bikini-Auftritte oder die New York Dolls, die ebenfalls das tragen von Frauenklamotten zelebrierten.

McNeil geht sogar noch Weiter: „Für mich hatte Punk immer mehr mit Verbrechen zu tun als mit Musik.“ Wenn man das Buch gelesen hat, mag man ihm zustimmen. Schade ist es trotzdem, wenn auch wenig überraschend. Schließlich erwartet man von einem Buch, das so ausführlich über ein als zerstörerisch, respektlos und geradezu niederträchtig geltendes Genre berichtet, kaum mehr als die üblichen Horrorstories. Und „Please kill me“ geizt damit nicht. Auf die Erkenntnis, dass die Rockstars von damals egomanisch veranlagte, sexbesessene Junkies waren, wartet man nicht lange. Zu schnell reihen sich die Skandale und Aha-Erlebnisse aneinander.

Fazit: Wer also schon immer einmal wissen wollte, wie aus dem braven Bluesfan Jim Osterberg der durchgeknallte Iggy Pop wurde, wer Freude an den grenzenlosen Exzessen Jim Morrissons entwickeln kann oder sich einfach „Insiderwissen“ einer ganzen Musikgeneration aneignen möchte, wird an diesem Werk nicht vorbei kommen. Denn auch wenn Drogen, Sex und Selbstzerstörung eine wichtige Rolle spielen, die Musik kommt trotz alle dem nicht zu kurz. Obwohl die deutsche Version, mit sechs Jahren Verzögerung, vermutlich etwas zu spät erschien um von der großen Punk-Retro-Welle zu profitieren. Ob diese Art der Therapie für die Autoren erfolgreich war, ist nicht zweifelsfrei belegt. Sicher ist, dass Ihnen mit „Please kill me“ ein Buch gelungen ist, das nicht nur die alteingesessenen Punk-Fans der ersten Stunde begeistern kann, sondern das verstörte Lebensgefühl einer sich abgrenzenden Musikkultur beschreibt.

Gebundene Ausgabe: 509 Seiten
Verlag: Hannibal; Auflage: 1., Aufl. (18. März 2004)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3854452373

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